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welsWels Stadt | Religion | 08.01.2012

Josef Kammerer: „Die Kirche unten präsent machen“

Ein Altpfarrer spricht Klartext

Seit 8. Jänner ist der in Wels wohnende pensionierte Priester Josef Kammerer (Bild) 87 Jahre, aber noch immer im Einsatz und hellwach. So liest er täglich im Altenheim „Bruderliebe“ der Kreuzschwestern in der Herrengasse um 6.30 Uhr die Hausmesse. Seit 61 Jahren ist er römisch-katholischer Priester.
Und seine persönliche Meinung sollte in dessen Kirche „oben“ gehört werden!
Seine Heimatpfarre ist Kopfing, wo ein polnischer Priester zuletzt für Schlagzeilen sorgte. Das tat ihm in der Seele weh: „Jeder Pfarrer weiß, dass er für alle da sein muss. Das ist das Grundprinzip. Der Kollege war nur für eine Seite da und die machen vielleicht 20 Prozent aus, wenn es viele sind. Die beste Lösung war der Verbleib des Pfarrers in Seinem Heimatland.“.
Josef Kammerer wurde bereits 1950 zum Priester geweiht. Er erlebte in seiner Tätigkeit bereits viele Päpste mit: Pius XII., Johannes XXIII., Paul VI., Johannes Paul I., Johannes Paul II. und jetzt Benedikt XVI. „Die Wahl von Johannes XXIII. war für uns 1958 zuerst ein Schock. Aber er hat uns dann wirklich begeistert. Er war ein bescheidener Mann des Volkes und hat den Mut gehabt, ein Konzil einzuberufen.“  
Dann folgte Paul VI. „Paul war ein liebenswürdiger Mensch. Er hat aber 1968 mit der Anti-Baby-Pillen-Enzyklika humanae vitae einen Kardinalfehler gemacht. Es kam zum Bruch zwischen Volk und Kirche. Aber 1968 haben die Menschen gemerkt, die Kirchenleute verstehen die Dinge nicht. Sie mischen sich in praktische Dinge der Eheführung ein.“
Dann kam der 33-Tage-Papst Johannes Paul I. „Er ist leider sehr bald gestorben, aber er war volksnahe. Es kam dann Johannes Paul II., der über große schauspielerische Talente verfügte. Sein historisches Verdienst war sein Beitrag zum Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa.
Er konnte sehr gut mit den Massen umgehen, aber er war total konservativ und hielt nicht viel von Mitbestimmung. Die Bischofs-Ernennungen von Kurt Krenn und Hans Hermann Groer haben unserer Kirche sehr geschadet. Das einzige Kriterium bei der Ernennung war die konservative Einstellung. Aber wir brauchen Menschen, die mit dem Volk sind.
Das II. Vatikanische Konzil hat die Ortskirche herausgehoben. Die Bischöfe sind aufgewertet worden. Heute sind sie nur mehr Befehlsempfänger von Rom. Ich beneide heute keinen von ihnen. Sie haben ihre Eigenständigkeit verloren, sie sind nur mehr Vollzugsorgane. Bischof Ludwig Schwarz ist sehr unter Druck.“
Es folgte Josef Ratzinger als Johannes Paul II. „Er war immer ein Panzer. Es gibt überhaupt keine Bewegung mehr. Sein Pontifikat ist ein Rückschritt geworden. Aber die Kirche lebt nicht in den Tintenburgen da oben, sondern in den kleinen Gemeinden. Da ist viel Gutes geschehen. Auch in der Diözese Linz. Die Stärke der Kirche heute sind die kleinen Leute. Wir müssen die Menschen im Positiven stärken.“
Was hält Josef Kammerer von der jüngsten Protestbewegung, die zum Ungehorsam aufruft? „Man muss an die Dinge mit Klugheit herangehen. Ich würde von Reform reden und nicht von Ungehorsam, wie das Helmut Schüller macht.
Die Frage der Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion ist doch in den Pfarren keine Frage mehr, sondern sie wird praktiziert. Es wird heute schon viel von dem Guten des II. Vatikanischen Konzils gelebt. Die Kirche lebt in den kleinen Menschen.
Wesentlich ist das Evangelium, nicht der Kirchenkommentar da und dort. Wir müssen den Geist des Evangeliums leben, wir müssen zurück zum Wesentlichen. Die Gleichstellung der Frau ist wichtig, die Kirche lebt vom Engagement der Frauen. Als erster Schritt sollte das Diakonat für Frauen eingeführt werden.
Das Kardinalskollegium, das den nächsten Papst wählt, ist ausschließlich mit Konservativen besetzt. Das lässt nichts Gutes hoffen.
Wenn die Kirche in der ihrer Geschichte nur von Menschen geleitet worden wäre, wäre sie schon längst zugrunde gegangen. Kardinal König hat einmal gesagt, es ist eigentlich ein Wunder, dass es die Kirche angesichts ihrer Geschichte noch gibt.
Wir müssen die kleinen Leute in der Kirche sehen, die ihre Dienste machen. Ich spreche hier immer von einer gewissen Drogensüchtigkeit in der Kirche, es gibt zu viel Weihrauch, zu viel Klerikalismus. Es ist furchtbar, wenn sich manche in der Kirche so erhaben fühlen. Wir sind ja Diener.“
Wir müssen die Kirche unten präsent machen
„Wir dürfen uns von oben nichts erwarten. Wir müssen unten versuchen, das Evangelium zu leben. Das ist nicht so leicht. Wir sollten auf die Kinder und die Jugend setzen. Sie sind die Geschenke Gottes. Sie brauchen Zuspruch und Visionen für die Zukunft. Wir müssen auch auf den Heiligen Geist vertrauen, dass er uns neue Wege zeigt. Die Zeit geht nach vorne. Wenn wir stehen bleiben, gehen wir automatisch zurück.“
Josef Kammerer wohnt seit seiner Pensionierung 2003 in der Neustadt. Die Stationen seines Pfarrerlebens waren Lenzing, Trimelkam/Riedersbach, Stroheim, neuerlich Lenzing und Waldneukirchen. 
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